Projekt Whistleblower und Medien in der Schweiz - HTW Chur

Menu
Projekt
Whistleblower und Medien in der Schweiz

Projekt auf einen Blick

Internationale Fälle von Whistleblowing (Beispiel: Edward Snowden) haben eine grosse mediale Aufmerksamkeit erhalten. Welche Schlüsse in Bezug auf das Verhältnis von Whistleblowern und Medien können daraus gezogen werden? Und wie sieht die Praxis des Whistleblowings in der Schweiz aus? Diese Fragen wurden in einem Forschungspunkt mit Hilfe von Literaturanalysen, Experteninterviews und Inhaltsanalysen untersucht.

Ausgangslage

Whistleblower sind Menschen, die Medien oder interne Meldestellen über Fehlverhalten in Unternehmen oder Staatsbetrieben informieren. Über die praktischen Erfahrungen mit Whistleblowern in der Schweiz, über Herausforderungen und Risiken für Medien und Whistleblower und über das dabei oft angewendete Online-Meldeverfahren war bisher noch wenig bekannt. Diese Forschungslücke wurde in diesem Projekt bearbeitet und geschlossen.

Whistleblowing ist ein komplexer Prozess, der für die beiden Hauptbeteiligten (Whistleblower und Medien) mit erheblichen Herausforderungen und Risiken verbunden ist. Online-Meldesysteme für Whistleblower (Beispiele: Wikileaks, sicher-melden.ch etc.) stellen eine wichtige technische Innovation dar und werden auch von Schweizer Medienorganisationen zum Kontaktaufbau und zum Austausch von Dokumenten mit Whistleblowern genutzt.

Umsetzung

Wenig ist über die konkreten Chancen und Risiken bekannt, die mit solchen Online-Meldesystemen von Medien und anderen Organisationen verbunden sind. Ganz allgemein liegen in der Schweiz gegenwärtig keinerlei Studien zur Whistleblower-Situation vor, die das Phänomen aus einer empirischen, kommunikationswissenschaftlichen Perspektive untersuchen. Zentrale Forschungsfragen sind dabei: Welche praktischen Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Verhältnis von Whistleblowern und Medien sind international bereits vorhanden? Wie sieht die Praxis des Whistleblowings in der Schweiz aus? Welche Erfahrungen wurden im Rahmen der von Schweizer Medien angebotenen Online-Meldesysteme gesammelt? Welche Themen und Organisationen sind Gegenstand von Whistleblower-Meldungen? Wie werden diese Meldungen journalistisch verarbeitet? Diese Forschungsfragen wurden mittels einer Kombination von mehreren Forschungsmethoden (Literaturanalyse, Experteninterviews, Inhaltsanalyse von gemeldeten Fällen) beantwortet.

Resultate

Schweizer Whistleblower, die sich an Meldestellen wenden, haben grosses Vertrauen in die Medien, verzichten sie doch in ihrer überwiegenden Mehrheit auf Anonymität. An die Meldestellen gelangen eher «kleine Leute» mit ihren kleinen Geschichten, die sich oft auf Arbeitsplatz- oder Nachbarschaftsstreitigkeiten beziehen, während Informantinnen und Informanten mit «grossen Geschichten» direkt investigative Medienschaffende kontaktieren. Journalistisch weiterbearbeitet werden indes nur rund ein Viertel der eingegangenen Meldungen und nur ein ganz kleiner Teil führt zu Publikationen.

Die Forschenden geben am Schluss ihres Berichts Empfehlungen ab: So sollten Journalistinnen und Journalisten kompetent juristisch beraten werden. Es sollten technische Lösungen entwickelt werden, die eine abhörsichere, verschlüsselte digitale Kommunikation zwischen den Informantinnen/Informanten und den Medienleuten ermöglichen. Whistleblowing sollte zum Thema der journalistischen Weiterbildung werden. Unternehmen und Behörden sollten verstärkt interne Meldestellen aufbauen, damit Missstände organisationsintern behandelt werden können. Der rechtliche Schutz von Wistleblowern in der Schweiz sollte verbessert werden. Zudem sollte eine unabhängige Beratungsstelle für Whistleblower eingerichtet werden.

Weiterführende Information

Beteiligte

Das Projekt wurde vom Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft (SII) in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Institut für Entrepreneurship (SIFE) im Auftrag der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung umgesetzt.