Zeitgenössische Architektur in den Alpen - HTW Chur

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Projekt
Zeitgenössische Architektur in den Alpen
Projekt auf einen Blick

Projekt auf einen Blick

Was geschieht jenseits der Bündner Alpen in der Architektur? Mit welchen Fragen beschäftigen sich die Architekten und Architektinnen dort? Blicke über die Grenzen sind hilfreich und schärfen das Verständnis für die eigene Arbeit. Vorarlberg und Südtirol sind gut dokumentiert. Doch anderswo bestehen Lücken – beispielsweise im Veltlin.

Ausgangslage und Projektziel

Ausgangslage und Projektziel

Das Projekt «Zeitgenössische Architektur in den Alpen» verschafft sich einen Überblick über das architektonische Geschehen in den verschiedenen Regionen des Alpenraums. Die Architektur im Veltlin ist nördlich der Alpen gänzlich unbekannt, obwohl einige bemerkenswerte Bauwerke hier entstanden sind und einige engagierte Architekten und Architektinnen dort Projekte entwickeln. Aber auch was in den französischen Alpen, im westlichen Alpenraum Italiens oder im alpinen Slowenien geschieht, ist wenig bekannt.

Diese Wissenslücken werden mit dem Projekt systematisch analysiert und geschlossen.

Umsetzung und Resultate

Umsetzung und Resultate

Eine erste Umsetzung waren die Feldforschungen im Veltlin zur zeitgenössischen Architektur. 

Das unbekannte Veltlin

Mit dem Veltlin besitzt Graubünden eine dreihundertjährige gemeinsame Geschichte. Paläste, wie der herrschaftliche Palazzo Salis in Tirano (16./17. Jahrhundert) mit seinem vom berühmten römischen Architekten Vignola gestalteten Portal am Haupteingangstor, erinnern an die für beide Regionen wichtige Zeit. Doch seit der politischen Trennung 1797 durch Napoleon und dem späteren Zusammenbruch des Handels über die Alpen, haben sich die beiden Bergregionen unabhängig voneinander entwickelt.

Luigi Caccia Dominioni baut in den ländlichen Voralpen

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der bekannte Mailänder Architekt Luigi Caccia Dominioni in Morbegno ganze Stadtteile und prägende Bauwerke errichtet. Nachdem Caccia während des Zweiten Weltkrieges auf dem herrschaftlichen Familiensitz in Morbegno wohnte, überbaute er nachher auf seinem eigenen Grundstück eine Stadterweiterung, das Centro Residenziale Paravicini (1962–72), die für das ganze Veltlin, auch für andere Architekten und Architektinnen Vorbildcharakter hatte. Die städtische Siedlung ist urban, unterteilte den riesigen Baukörper geschickt in kleinere Teile, führte Arkaden ein, wurde einheitlich detailliert und dennoch immer wieder in ihrem Ausdruck variiert. Ähnliches gilt für das Condominio di Via Vanoni (1957–1959), ebenfalls von Caccia Dominioni.

Die öffentliche Bibliothek Ezio Vanoni (1965–1966) darf mit ihrem «organischen Grundriss» als das räumlich komplexeste Werk Caccia Dominionis im Veltlin betrachtet werden. Die Bibliothek wurde 2012–2015 von dem aus Morbegno stammenden Architekten Marco Ghilotti sanft restauriert und den heutigen Bedürfnissen angepasst.

Intelligent bauen mit Bezug zum Bestand

Die wirtschaftliche Situation im Veltlin ist noch immer angespannt und hat sich seit der Finanzkrise nur schleppend erholt. Dadurch ist bis heute die Bautätigkeit mager geblieben. Das Architekturbüro Act Romegialli konnte einige grössere Siedlungen realisieren wie der Mallero Wohnkomplex in Sondrio (2013) und der Wohnkomplex bei Morbegno (2019, die erste Etappe von drei). Interessant ist, dass dabei das Erbe Caccia Dominionis bis heute in der Detaillierung und in der räumlichen Verspieltheit mitschwingt und trotzdem eigenständige und aktuelle Architektur entstanden ist.

Viele der ambitionierten Bauten leiden aber unter dem immer grösser werdenden Druck von Regulierungen und gesetzlichen Änderungen, wie die Casa delle Guide Alpine im Val Masino (1998–1999) von Gianmatteo und Roberto Romegialli, Alessandro Finozzi und Ada Ghinato. Der starke steinerne Bau wurde in seiner räumlichen Komplexität beispielsweise durch den Brandschutz stark beschnitten. Doch ist der Bau bis heute stark und bietet den Kletterern auch räumlich architektonisch Schutz in der rauen Natur.

Spannend wird es, wenn Architekten und Architektinnen die Grenzen des lokalen Handwerks ausloten. So hat Act Romegialli für das Wohnhaus Casa ai Prati (2017) in der Via Prati Bitto, Cosio Valtellino bei Morbegno für die Betonschalung grobe OSB-Platten verwendet. Dadurch wird die Betonoberfläche strukturiert und handwerkliche Mängel oder Unregelmässigkeiten verlieren sich visuell.

Neues aus der bestehenden Substanz entwickeln

Beeindruckend sind die strengen, aber auch sehr präzisen Bauwerke des noch jungen Talents Alfredo Vanotti: das Wohnhaus in Castione Andevenno (2017) und sein eigenes Wohnhaus der Ca’ Giovanni in Busteggia bei Sondrio (2018). Sein eigenes Wohnhaus mit Atelier ist ein sensibler Umbau eines einfachen Stalles mit Lagerraum. Das frappante am Bau ist die direkte Einfachheit und eine ausdrucksstarke materielle Kargheit. Der Naturstein wurde innen und aussen sichtbar gezeigt und mit neuen Fenstern, isoliertem Dach und Boden bewohnbar gemacht.

Was bleibt, ist die Freude an der Architektur, Dinge neu zu denken oder neue Funktionen für bestehende Bausubstanz zu erfinden. Geld ist oft wenig da und gerade daraus werden interessante Lösungen entwickelt. Die Transformation dreier Häuser in Costiera dei Cèch (1998) zu einem grossen Ferienkomplex für eine grosse Familie, von Act Romegialli ausgeführt, zeigt die entwerferische Freude am Entwickeln spezifischer Lösungen für räumliche Situationen und alle Details. Auch der Umbau einer alten Garage zu einem poetischen Sommerhaus einer Green Box in Cerido Costiera dei Céech (2010) ebenfalls von Act Romegialli lässt ein Gewächshaus mit einer kleinen Gartenküche entstehen, was den Garten zu neuem Wohnraum wandelt.

Das Veltlin ist auf jeden Fall eine Reise wert, auch wenn nur wenige aussergewöhnliche Bauwerke existieren und die meisten davon von Privaten errichtet wurden. Doch was zu sehen ist, regt an, über den eigenen Beruf nachzudenken. 

Aus den spezifischen Feldforschungen mit Studierenden werden zu den jeweiligen Regionen handliche Architekturführer entstehen. Diese sollen anschliessend helfen, ein differenziertes Bild des Bauens im Alpenraum zu geben.

Der erste Architekturführer kann in Kürze bezogen werden. Kontaktieren Sie bei Interesse Daniel A. Walser.

Team

Team

Walser Daniel A.
Prof., Dipl. Architekt ETH / SIA

Studierende im Modul Architekturtheorie arbeiten am Projekt mit.

Weiterführende Information

Weiterführende Information

Beteiligte

Das Projekt wird durch das Institut für Bauen im alpinen Raum (IBAR) umgesetzt.