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Agrotouristische Netzwerke zur Vermarktung lokaler Lebensmittel: eine soziale Netzwerkanalyse

Agrotouristische Netzwerke zur Vermarktung lokaler Lebensmittel: eine soziale Netzwerkanalyse

Landwirtschaft und Tourismus sind vielerorts die prägenden Branchen des Alpenraums. Obschon diese Wirtschaftszweige von grosser soziokultureller Bedeutung für die Regionen sind, stehen sie aufgrund des gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Umfelds vor beachtlichen Herausforderungen. Die erste Untersuchung eines Netzwerks zwischen Tourismus- und Landwirtschaft mit Fokus auf der Vermarktung lokaler Lebensmittel wurde kürzlich für die Region Valposchiavo realisiert.

Text: Werner Hediger, Eveline Scala / Bild: Graubünden Ferien/Stefan Schlumpf / Grafik: Eveline Scala

In weiten Gebieten des durch seine gebirgige Topografie geprägten Alpenraums sind mit Landwirtschaft und Tourismus zwei Branchen mit geringer Wertschöpfung und grosser soziokultureller Bedeutung stark vertreten (Credit Suisse, 2015). Beide Branchen stehen angesichts des aktuellen wirtschaftlichen und politischen Umfelds (z. B. Frankenstärke, Marktöffnung) vor grossen Herausforderungen, denen es mit neuartigen Angeboten und durch organisatorische Innovation zu begegnen gilt (Buser, 2006).

Dadurch, dass Landwirtschaft und Tourismus in vielfältiger Weise miteinander verflochten sind, bestehen beträchtliche Synergie- und Kooperationspotenziale (Hediger, 2016), deren Erschliessung nicht nur für die Akteure beider Branchen, sondern auch für die betreffenden Regionen von eminenter Bedeutung sein dürfte. So bestehen selbst im Kanton Graubünden, der in Bio-Landwirtschaft und Agrotourismus eine Vorreiterrolle einnimmt bzw. anstrebt, noch beträchtliche Potenziale, die durch eine stärkere Zusammenarbeit und Integration der verschiedenen Akteure in Form von agrotouristischen Netzwerken erschlossen werden können. Dabei kommt der Entwicklung von gemeinsamen Angeboten und neuen Zusammenarbeitsformen zwischen Hotellerie/Gastronomie und Landwirtschaft eine zentrale Bedeutung zu. Diese Angebote und Kooperationen müssten einerseits über das erweiterte Tätigkeitsfeld von Bauernfamilien an der Schnittstelle von Paralandwirtschaft (nicht-landwirtschaftliche Tätigkeiten auf dem Hof) und Parahotellerie (Beherbergung ausserhalb der Hotellerie) hinausgehen und würden andererseits helfen, die wichtige Rolle der Hotellerie und Gastronomie als Abnehmerbranche der zunehmend von Gästen gewünschten lokalen Nahrungsmittel zu unterstreichen (Streifenender, 2014).

Zudem spielt auch das Verhalten der Konsumentinnen und Konsumenten sowie Gäste eine besondere Rolle. Neben dem anhaltenden Interesse an Bio-Produkten zeigen sie eine zunehmend kritische Haltung gegenüber der Herkunft von Nahrungsmitteln. So neigen sie vermehrt dazu, regionale Nahrungsmittel zu konsumieren, und der Einzelhandel bietet gezielt regionale Produkte an. Auch die Hotels und Gastronomie-Betriebe haben diesen Trend aufgegriffen. Sie stellen zudem einen wichtigen Absatzkanal für die lokale Landwirtschaft dar.

 

Landwirtschaft und Tourismus

Auf der touristischen Seite wird argumentiert, dass lokale Nahrungsmittel und Speisen das Besuchererlebnis insofern steigern können, als die Gäste diese Nahrungsmittel und Speisen mit der Region sowie mit der regionalen Kultur und Lebensweise in Verbindung bringen. Somit bilden regionale Lebensmittel und Gerichte eine wichtige touristische Attraktion und ein Bindeglied zwischen Landwirtschaft und Tourismus.

Im Gegensatz dazu ist noch zu wenig bekannt, welche Potenziale eine bestimmte Region hinsichtlich der Vermarktung ihrer lokalen Lebensmittel hat und wie diese Potenziale in der lokalen Tourismusindustrie genutzt werden können. Auch arbeiten Tourismusbetriebe und Landwirtschaftsbetriebe überwiegend innerhalb ihrer eigenen Branche zusammen. Um eine agrotouristische Zusammenarbeit zu fördern und zu stärken, sind vermehrt branchenübergreifende Kooperationen notwendig. Diese können von einfachen Markttransaktionen über vertragliche Zusammenarbeitsformen bis hin zur vollständigen vertikalen Integration von Unternehmen entlang einer Wertschöpfungskette erfolgen, wie sie in der Neuen Institutionenökonomik (Williamson, 1991) behandelt werden. Eine wesentliche Rolle spielen dabei informelle soziale Netzwerke und persönliche Kontakte, über welche der Informationsaustausch stattfindet, der letztlich den wirtschaftlichen Transaktionen zu Grunde liegt.

 

Soziale Netzwerkanalyse im Valposchiavo

Bisher wurden derartige Netzwerke zwischen Tourismus- und Landwirtschaft mit Fokus auf der Vermarktung lokaler Lebensmittel noch kaum analysiert, obwohl sie in verschiedenen Regionen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Eine erste Untersuchung eines solchen Netzwerks wurde kürzlich für die Region Valposchiavo realisiert (Scala, 2017), wo 2015 das Projekt «100 % Valposchiavo» ins Leben gerufen wurde – mit dem Ziel, den Kundinnen und Kunden sowie Gästen vielfältige Produkte aus der Region anzubieten. Das Logo «100 % Valposchiavo» darf verwendet werden, wenn das Produkt selbst oder alle seine Bestandteile aus dem Tal stammen. Dadurch soll auch die Zusammenarbeit zwischen Landwirten, verarbeitenden Betrieben und Gastronomie gestärkt werden.

Bei der Netzwerkanalyse wurden hinsichtlich der Vermarktung von lokalen Lebensmitteln in der Region zwei Forschungsziele verfolgt:

1. Die Erhebung, Darstellung und Analyse des sozialen Netzwerks zwischen Landwirten, Verarbeitern und Veredlern von Lebensmitteln sowie Gastronomiebetrieben.
2. Eine vertiefte Analyse von Akteuren an bestimmten Positionen innerhalb dieses Netzwerks, um ihre individuell wahrgenommenen Vorteile und Herausforderungen bei der Vermarktung von lokalen Lebensmitteln zu erfassen.

Methodisch wurde die soziale Netzwerkanalyse über eine quantitative Erhebung durchgeführt, welche die Absatz- und Beschaffungskanäle sowie die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren in der Region erfasste. Sie wurde mit deskriptiver Statistik ergänzt. Nach der Analyse des Netzwerks wurden einzelne Akteure mittels halbstrukturierter Interviews befragt.

 

Noch wenig Interaktionen zwischen den Landwirten der einzelnen Gemeinden

Die Untersuchung hat einen vertieften Einblick in die Struktur der Zusammenarbeit zwischen einzelnen Akteuren im Valposchiavo und ausserhalb der Region ergeben. Das soziale Netzwerk zwischen Landwirten (blaue Knoten), Verarbeitern (grüne Knoten) und Gastronomie (orange Knoten) ist in Abb. 1 dargestellt. Die Grösse der Knoten veranschaulicht die Anzahl Kontakte mit anderen Akteuren inner- und ausserhalb der Region, die Dicke der Verbindungslinien die relative Wichtigkeit der Interaktionen.

Insgesamt wurden 3’821 Verbindungen zwischen 254 Akteuren (Knoten) erfasst, welche jeweils zwischen 0 und 117 Verbindungen (Durchschnitt: 15) untereinander aufweisen. Es zeigt sich, dass kaum Interaktionen zwischen Landwirten über die Grenzen der beiden Gemeinden Poschiavo und Brusio hinaus stattfinden, wogegen die Mehrheit der Verarbeiter und Gastronomen viel stärker untereinander und mit den Landwirten vernetzt ist. Des Weiteren verdeutlicht die Analyse die übergeordnete Bedeutung der formellen Branchenorganisationen innerhalb des Netzwerks. Insbesondere die lokalen Gewerbevereine spielen als Schnittstelle zwischen Landwirtschaft einerseits und Gastronomie sowie Verarbeitern andererseits eine zentrale Rolle. Zudem funktionieren die informellen Links primär entlang der Wertschöpfungskette Landwirtschaft – Verarbeitung – Gastronomie.

Aufgrund ergänzender Interviews mit Schlüsselakteuren konnten zusätzlich die Vorteile und Herausforderungen eruiert werden, die sich aus ihrer Sicht durch das Netzwerk bzw. Projekt «100 % Valposchiavo» ergeben. Diese sind in Tab. 1 zusammengefasst.

Abb. 1: Das agrotouristische Netzwerk im Valposchiavo (Quelle: Scala, 2017)

Vorteile

  • Produktmehrwert und touristische Attraktion
  • Soziale Beziehungen auf Vertrauensbasis
  • Informationen zu Entwicklungen
  • Wissenserweiterung
  • Ideen und Innovationen
  • Kostenreduktion
  • Wertkommunikation
  • Neue Absatzkanäle
  • Höhere Visibilität am Markt
  • Ökonomische Stabilität in der Region

Herausforderungen

  • Kosten und Anstrengungen für Kooperation
  • Schwierigkeiten bei Partnersuche und Aufbau von Geschäftsbeziehungen
  • Wenige aktive Mitglieder in Vereinen
  • Keine Einigung bei Produktpreisen
  • Fehlendes Vertrauen / fehlende Sympathie
  • Unterschiedliche Denkweisen
  • Fehlendes Wissen zu Angebot und Nachfrage

«Agro + Tourismus» im Valposchiavo

Dank «100 % Valposchiavo» nimmt die Region eine begünstigte Position für eine noch bessere Vermarktung ihrer Produkte und einen weiteren Ausbau der Zusammenarbeit innerhalb des Netzwerks ein. Die Potenziale wurden von den Akteuren erkannt. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Akteure in der Region noch zu wenig über die Bezugsmöglichkeiten von lokalen Lebensmitteln informiert sind. Die formale Zusammenarbeit über Branchenorganisationen funktioniert. Den Akteuren ist aber auch bewusst, dass noch Lücken innerhalb der Wertschöpfungskette in Bezug auf die regionalen Verarbeiter bestehen. Die wichtigsten Faktoren, um diese zu schliessen, liegen in der Fähigkeit des Netzwerks, im Kollektiv zu agieren. Zentrale Verknüpfungen basieren auf engen sozialen Bindungen und komplementären Geschäftsbeziehungen. Wichtige und multiple Beziehungen mit regelmässigen informellen Gesprächen fördern zudem die Kooperation. Zudem sind die Akteure hinsichtlich einer engeren Zusammenarbeit sensibilisiert und streben diese an – mit dem Ziel, dem Gast ein einzigartiges Erlebnis zu bieten. Damit sind wichtige Voraussetzungen für eine noch intensivere Kooperation entlang der agrotouristischen Wertschöpfungskette im Tal erfüllt.

Quellen

  • Buser, Ch. (2006). Wahrnehmung und Realisierung von Wertschöpfungspotentialen der Schweizer Landwirtschaft mittels organisatorisch-prozessualer Innovationen. Diss ETH Nr. 16331, ETH Zürich.
  • Credit Suisse (2015). Regionalstudie Kanton Graubünden. Investment Strategy & Research, Economic Research, Oktober 2015.
  • Hediger, W. (2016). Regionale Biolandwirtschaft und Tourismuswirtschaft in Graubünden: Marktgerechte Nutzung von Synergiepotenzialen. Studie im Auftrag von Bio Grischun, Schlussbericht, Zentrum für wirtschaftspolitische Forschung, HTW Chur, Juni 2016.
  • Scala, E. (2017). The Role of Agro-touristic Networks in den Marketing of Local Food Products. A Social Network Analysis in Valposchiavo, Grisons, Switzerland. Master Thesis, HTW Chur.
  • Streifeneder, T. (2014). Landwirtschaft und Tourismus – Synergien und innovative Potentiale wirkungsvoller nutzenEURAC Blog About Regional Development 05/05/2014.
  • Williamson, O.E. (1991). Comparative Economic Organization: The Analysis of Discrete Structural Alternatives. Administrative Science Quarterly 36(2): 269–296.

Beitrag von

Werner Hediger, Prof. Dr.

Leiter, Zentrums für wirtschaftspolitische Forschung (ZWF), Professor für Volkswirtschaftslehre

 

Eveline Scala

Eveline Scala ist Absolventin des Masterstudiengangs Business Administration mit Major Tourismus